Psychologin analysiert Rücktritt von Althaus

Aus http://www.tlz.de:

Interessant, interessant…Was Macht so alles macht!

Erfurt. (tlz) Alina Wilms hat Dieter Althaus in den vergangenen Wochen bei seinen Fernsehauftritten genau beobachtet. Die Erfurter Psychologin und Psychotherapeutin ist sicher, dass sein Rücktritt, der ja auch so etwas wie ein parteiliches und persönliches Scheitern ist, „bei einem erfolgsverwöhnten High-Flyer wie Dieter Althaus seine psychischen Spuren hinterlasen wird“. Er sei aus der Höhe auf den Boden der „vorhersehbaren Tatsachen“ gefallen und dies nunmehr ohne das haltende Netz seiner Partei, analysiert sie.

Sie hatte schon in den vergangenen Wochen einen Bewältigungsmechanismus bei dem Thüringer Regierungschef ausgemacht, der vor allem in Verdrängung und Leugnung der für ihn und die Thüringer CDU prekären Situation bestand, in einer Flucht in eine „phantasierte Realität, in der ein Wahlsieg der CDU außer Frage stand, mit sich selbst als alleiniger Galionsfigur“. Die „Droge Macht“ habe den Regierungschef nicht losgelossen. „wie ein Feldherr, der sein Heer in einen zum Scheitern verurteilten Krieg geschickt hat, hat er fern jeder Realität den Sieg zelebriert, obwohl viele insgesheim um die Situation wussten.“

Wilms kennt das aus ihrer therapeutischen Praxis: Menschen, die so reagieren, haben große Ängste, versuchen, jede Form von Kritik und Gefahr für ihr Ego abzuwehren. Der überraschende und sofortige Rücktritt von allen Ämtern entspricht nach ihrer Einschätzung auch der Persönlichkeitsstruktur von Althaus: „Er ist ein Mensch des Alles oder Nichts.“

Für die erfahrene Psychologin ist am Althaus-Rücktritt nur fraglich, ob er ein Scheitern der Koalitionsbestrebungen seiner Partei vermeiden wollte oder sein persönliches Scheitern. „Wäre es ihm um die Partei gegangen, hätte er noch die Verhandlungen abgewartet und dann seinen Rücktritt zum Wohl seiner Partei als letztes in die Waagschale der Koalitionsverhandlung geworfen. Dieses Ass hätte er seiner bis dato treuen Partei zumindest als letztes Erbe hinterlassen können.“

Zurückblickend wäre es sicherlich ein ehrenvollerer Abgang gewesen nach dem Unfall gar nicht erst zurück zu kehren, sagt sie. Und sie erblickt in dem auch von der Partei vielleicht mitforcierten Rücktritt von Althaus etwas Polit-Typisches: Jeder ist sich selbst der Nächste. „Inzwischen will man lieber ohne Althaus mitregieren als auf der Oppositionsbank althaustreu abzuwarten.“ Und Althaus schmiede wahrscheinlich lieber neue Karrierepläne anderswo als seine Verantwortung in Thüringen zu übernehmen und zumindest das Beste für die Thüringer CDU aus der verfahrenen Situation zu machen. Durch die Krise habe die Thüringer CDU nun aber auch die Chance sich zu entkrusten und völlig neu zu definieren.

Dabei hätte es für den Thüringer Regierungschef aus ihrer Sicht durchaus eine Alternative gegeben: Er hätte sich in einer schwarz-roten Koalition das Ministerpräsidentenamt mit dem SPD-Chef Christoph Matschie teilen können, wobei er dem Sozialdemokraten die erste Hälfte überlassen hätte. Er hätte dann zweieinhalb Jahre ohne größeren Druck mitregieren können, in dieser Zeit psychologisch rekonvaleszieren und Fehlentscheidungen analysieren können, ohne dabei das Gesicht zu verlieren. Damit hätte er Matschie eine ideale Brücke gebaut. Dieser hätte Wort halten können, einerseits Althaus tatsächlich abzulösen und das ohne mit der Linken zu koalieren.

Schon die Wahlplakate der Union waren ihrer Einschätzung nach eher unglücklich. „Nach vorn denken. Mit dem Herzen entscheiden“ hat die CDU Dieter Althaus zum Schluss großflächig plakatiert. „Trotz des Slogans ist bei dem Plakat keine Bindung entstanden, es wirkte wenig authentisch, wenig menschlich“, analysiert sie. Althaus habe den Betrachter nicht angeschaut, der zweite Teil des Satzes sei klein gedruckt und eingerückt gewesen. Hängen geblieben sei der Slogan „Nach vorne denken“, was auch so viel heißen könnte wie sich nach vorne drängen.

Bei dem Linksparteispitzenkandidaten Bodo Ramelow ist ihr aufgefallen, dass er als Einziger immer allein auf den Plakaten zu sehen war. Zu seiner Gestik � erhobener Zeigefinger oder eine wie zu einer Ohrfeige erhobene Hand � fällt ihr ein: „Er inszeniert sich selbst. Es ist eine absolut übertriebene Psychomotorik, so dass man sich unwillkürlich fragt, ob der Mann auch anders kann.“ Die Wahl der Farben auf den Plakaten hat für sie etwas „Diabolisches“: Schwarzer Anzug mit einer roten Krawatte vor einem schwarzen Hintergrund. „Das macht den Eindruck eines Einzelkämpfers, der niemanden neben sich duldet und steht eigentlich in deutlichem Kontrast zu der Botschaft, zu der sozialen Idee, die die Linkspartei plakatiert.“ Ramelow kann sie sich nicht in einer untergeordneten Rolle in einer Koalition vorstellen. „Er oder keiner“, heißt für ihn Devise, ist sich die parteilose Psychologin sicher.

Die Lage, in die sich Christoph Matschie, der SPD-Chef, hineinmanövriert hat, hat für sie etwas Tragisches. „Er hat zwei mögliche Wege, aber egal, wie er sich entscheidet, es kann nicht gut gehen.“ Die Partei sei zu zerrissen, als dass sich seine innerparteilichen Gegner nicht regen würden, egal, ob sich die SPD für Schwarz-Rot oder Rot-Rot entscheiden würde. „Seine einzige Chance ist es, etwas Neues zu erfinden, eine Alternative, an die bisher niemand gedacht hat, eine Win-Win- Situation wie die Teilung der Führungsrolle mit der CDU.“ Dann könne er seine Partei mitnehmen. Matschie müsse jetzt Stärke zeigen, er dürfe nicht der Illusion eines Gewinnrausches erliegen, aus dem es irgendwann ein böses Erwachen geben könne, so dass auch Matschie wieder bitter auf dem Boden der Realität landen könne. Die Wahlplakate der SPD findet sie einfach und anspruchslos. „Es wurde an die Naivität der Menschen appelliert.“ Matschie habe nicht genug Profil gezeigt. Das müsse er jetzt aber dringend nachholen, wenn er in den nächsten Tagen politisches Standing beweisen wolle.
04.09.2009

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