Eine Frage der Nerven

Aus der Berliner Zeitung (www.berlinonline.de/berliner-zeitung):

Holger Schmale

Wer als Verlierer in der CDU überleben will, muss sehr stark sein. Er braucht kräftige, einflussreiche Freunde und eher schwache Gegner, er muss vor allem aber mental stark sein. Dann hat er vielleicht eine Chance. Angela Merkel, noch mehr aber Roland Koch sind gute Beispiele dafür. Dieter Althaus aber war zu schwach, um seinen Anspruch auf das Amt des Ministerpräsidenten und CDU-Vorsitzenden von Thüringen länger als vier Tage über die desaströse Wahlniederlage hinaus aufrechtzuerhalten.

Das war eigentlich schon am Wahlabend klar, und gar nicht so sehr wegen der neuen politischen Kräfteverhältnisse. Im Saarland sieht es kaum besser aus für die CDU, doch Peter Müller denkt nicht daran, zurückzutreten. Es lag vor allem am Erscheinungsbild, das Althaus abgab. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst. Jetzt endlich sah man das Bild des gebrochenen Mannes, das man nach seinem Skiunfall und allem damit verbundenen Unheil erwartet hätte. Doch dieses Unheil schien er nach seiner fantastisch schnellen, vor aller Welt so penetrant demonstrierten körperlichen Gesundung überwunden zu haben. Verdrängt, ist wohl der treffendere Befund. Am Sonntagabend ist es wieder aufgebrochen.

Zu manchen Zeiten herrschen in der Politik ähnliche Gesetze wie in der Wildnis. Hier wie dort gilt es, sich von einem wunden Gefährten so schnell wie möglich loszusagen, auf dass man von dessen Schwäche nicht infiziert werde. Niemand kennt dieses Gesetz besser als Angela Merkel, die bis zum Sonntagabend zu den engsten politischen Freunden von Dieter Althaus gezählt wurde. Ob das noch stimmte, mag man zwar auch bezweifeln. Denn sein luftiger, immer die Nähe zur Geschmacklosigkeit streifender Umgang mit dem von ihm beim Skifahren verursachten Tod einer Frau passte so gar nicht zu Merkels Anspruch auf Seriosität in menschlichen wie politischen Fragen. Spätestens der Blick in das blasse, wächserne Gesicht von Dieter Althaus am Montag nach der Wahl wird ihr signalisiert haben: Jetzt ist Schluss, jetzt wird er uns gefährlich.

Einem solchen Urteil kann sich nur jemand wie Roland Koch widersetzen, der nach seinem faktischen Machtverlust in Hessen bei der Landtagswahl 2008 die Gunst der Kanzlerin und ihrer Parteizentrale auch bereits verloren hatte. Doch Koch zog sich in einen Panzer aus eisernem Selbstvertrauen zurück und verhielt sich ganz still. Er wartete kühl ab, wie seine Herausforderin Andrea Ypsilanti diese Taktik des Aussitzens nicht ertragen konnte und sich in einem Gestrüpp aus Versprechen und Ansprüchen so verhedderte, dass sie stürzte.

Solch eine Nervenstärke konnte Dieter Althaus nicht mehr aufbringen. Deshalb musste er gehen. Die wahlkämpfende Merkel und ihre CDU wollten längere Phasen der Unsicherheit und Unklarheit nicht dulden, die nur die Annäherung von SPD und Linkspartei in Thüringen befördert hätte. Althaus blieb wohl nur eine letzte Freiheit: Den Termin seines Rückzuges selbst zu bestimmen. Damit ist ihm nun noch eine Überraschung gelungen. Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Roland Koch bedauert, Althaus habe im Interesse von Land und Partei diesen schwierigen Entschluss fassen müssen – ein Entschluss, den er selber nie für nötig gehalten hat.

Nun kann die CDU der SPD immerhin schon einmal den von den Sozialdemokraten ohnehin geforderten Kopf des Hauptgegners Dieter Althaus präsentieren. Damit ist ein, allerdings auch nur ein Hindernis auf dem Weg in eine Koalition mit der SPD beiseite geschafft, die der Union den Posten des Ministerpräsidenten sichern soll. Jetzt wird sich zeigen, ob die SPD mit ihrem Christoph Matschie die Koch’sche Gelassenheit aufbringt und die anderen zappeln lässt. Erst einmal scheint Matschies Strategie aufzugehen: Die CDU hat ihren wichtigsten Mann geopfert, die Linke erklärt sich bereit zu Koalitionsgesprächen ohne jede Vorbedingung. Bisher kann man staunend verfolgen, wie der kleinste der drei Spieler die beiden anderen vor sich hertreibt. Oft ist der Sieg eine Frage des längeren Atems. Hier geht es um die besseren Nerven.

Wenn die SPD ihrem Versprechen, in Thüringen für einen Politikwechsel zu sorgen, treu bleiben will, muss sie eine Verständigung mit der Linken finden. Denn nur mit dem Auswechseln von Dieter Althaus ist das oft zitierte System Althaus nicht beseitigt. Er hat zu lange die CDU in seinem Sinne beherrscht, seine Vertrauten in Schlüsselpositionen gebracht, das Land als eine Art Eigenbetrieb geführt.

Für die Sozialdemokraten bliebe eine Koalition mit der Union immer nur der Trostpreis. Die Frage ist, ob aus dem Machtstreben der kleineren SPD und dem der größeren Linken genügend Kraft erwachsen kann, um ein kreatives Regierungsmodell zu entwickeln. Eines, das dem Locken der CDU widersteht und das der SPD doch noch den Hauptpreis, das Amt des Ministerpräsidenten, einbringt.

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Zu manchen Zeiten herrschen in der Politik ähnliche Gesetze wie in der Wildnis. Hier wie dort gilt es, sich von einem wunden Gefährten so schnell wie möglich loszusagen.

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